Zukunftsfähigkeit des Schweizer Arbeitsmarktes für Mann und Frau

Am Freitag, 11. November 2016 organisierten Avenir Suisse und die Müller-Möhl Foundation den Lunch-Event „Zukunftsfähigkeit des Schweizer Arbeitsmarktes für Mann und Frau“ im Zunfthaus zur Saffran. Rund hundert Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft folgten der Einladung. Spannenden Diskussionsstoff lieferten zu Beginn die Input-Referate der beiden Podiumsgäste.


«What Works?» fragt sich Verhaltensökonomin Iris Bohnet, Professorin an der Harvard Kennedy School und Verwaltungsrätin der Credit Suisse Group in ihrem Buch über «Gender Equality». Sie argumentiert in ihrem Vortrag und auf dem Podium höchst anschaulich, dass die Arbeitswelt noch durch hartnäckige, unbewusste Vorurteile und Denkmuster geprägt ist. Doch Professor Bohnet macht auch Mut, denn es gäbe leicht zu pflückende „low-hanging fruit“. Mit einfachen Kniffs und smarten Anpassungen liessen sich mit geringem Aufwand grosse Effekte für die Gleichstellung von Mann und Frau erzielen – und das am besten „gleich heute Nachmittag!“. Als praktische Beispiele nennt sie den Verzicht auf Fotos in Bewerbungsunterlagen, strukturierte Bewerbungsinterviews, um unbewusste Präferenzen zu minimieren, oder den Verzicht, Selbstbewertungen der Mitarbeiter vor Evaluationen einzusetzen.

Weitere Reformvorschläge macht Dr. Marco Salvi, Senior Fellow und Forschungsleiter Chancengesellschaft bei Avenir Suisse. Als Autor der Studie «Gleichstellung – warum der Arbeitsmarkt nicht versagt» betont er gleich zu Beginn, dass es in der Schweiz kein faules Geschlecht gäbe: In der geleisteten Arbeitszeit unterscheiden sich Männer und Frauen nämlich kaum, wenn die unbezahlte Familienarbeit mit eingerechnet wird. Doch bei der Ausgestaltung dieser liessen sich Differenzen feststellen, die vor allem auf gesellschaftlich eingeübte Gepflogenheiten und Wertvorstellungen zurückzuführen seien. Sie kämen bereits bei der Berufswahl und dann in der Aufteilung der Erziehungsarbeit in den Familien zum Tragen. Hier würden keine „Nudges“ helfen – stattdessen gelte es konkrete Hürden abzubauen: Mit dem Wechsel zur Individualbesteuerung, der besseren Verfügbarkeit von Betreuungsplätzen und einem flexiblen Elternurlaub könne der Staat die Grundlage für tatsächliche Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Arbeitsmarkt legen.

In der anschliessenden Diskussion, moderiert von Nadine Jürgensen, unterstreichen beide Podiumsgäste, dass ihre Ansätze komplementär seien und sich nicht gegenseitig ausschliessen würden. Wichtig sei es, dass dieses sehr emotionale Forschungsfeld versachlicht werde: Sowohl Professor Bohnet als auch Dr. Salvi setzen daher auf empirische Daten, um Nüchternheit in die Debatte zu bringen. Die Diskussion heizt sich dennoch an, als es um die Frage geht, wie viel Gleichstellung eigentlich möglich sei. Marco Salvi führt an, dass in den nordischen Staaten zwar viele Vorurteile und Hürden abgebaut wurden, die Geschlechtersegregation bei der Berufswahl aber dennoch sehr hoch sei. Iris Bohnet bewertet das gleiche Beispiel durchaus positiver, habe der flexible Elternurlaub in Norwegen doch die dort ansässigen Männer nachhaltig in ihrem Verhalten verändert. Kann der Staat also nachhaltig Einfluss nehmen? In wie weit können Antidiskriminierungsgesetze oder Frauenquoten helfen, Gleichstellung zu erzwingen? Die Podiumsteilnehmer einigen sich – sehr diplomatisch – darauf, dass entsprechende Massnahmen sehr differenziert zu betrachten seien. Mit der noch offenen Frage, wie viel geschlechterspezifisches Verhalten rein sozial geprägt ist und verändert werden kann, bleibt man bei der Einigung, dass der Staat vor allem Chancengleichheit zu sichern habe, um zumindest jedem die Möglichkeit zu eröffnen, sich auch abseits der sozialen Norm zu entwickeln.

Iris Bohnet vertritt daher die Meinung, dass Flexibilität im Beruf zur Norm werden müsse. Die Frage solle lauten: „Warum sind Sie im Büro? Konnte das nicht von Zuhause erledigt werden?“. Mit diesem erheiternden Vorschlag wird auch deutlich, dass Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt nicht nur von der Politik allein erreicht werden kann. Stattdessen ist eine breite Allianz von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft nötig. Angesprochen wird hier der Lord Davies Report als löbliches Beispiel für eine solche Kooperation in Grossbritannien. Warum es diese Kooperation noch nicht in der Schweiz gäbe und ob sich das nicht ändern sollte, wird aus dem Publikum eingeworfen – und gibt damit auch den Startschuss für die angeregte Diskussion im Anschluss an das Podium. Beim Stehlunch werden die Themen des Podiums weitergesponnen und – wer weiss? – vielleicht auch der Grundstein gelegt für eine breite Schweizer Allianz zur Chancengleichheit für Mann und Frau am Arbeitsplatz.

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Fotocredit:

Adrian Bitzi