Ich habe nichts gegen Kopflastigkeit

Das Volksschulgesetz ist nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, findet Unternehmerin Carolina Müller-Möhl. Sie sagt, warum sich die Schule auch für die Starken einsetzen soll.

Interview: Daniel Schneebeli

Frau Müller-Möhl. Sie setzen sich aktiv für das neue Volksschulgesetz ein. Für eine Führungskraft aus der Wirtschaft ist dies eher aussergewöhnlich. Warum tun Sie das?

Schade, dass das aussergewöhnlich ist. Dennoch kenne ich auch in der Wirtschaft einige, denen eine gute Volksschule am Herzen liegt, denn die Unternehmen sind auf gut ausgebildete Mitarbeiter angewiesen. Die Volksschule ist die Basis aller Dinge. Dazu braucht es selbstverständlich gute und kompetitive Hochschulen, die international anerkannt sind.

Sie setzen sich für eine starke öffentliche Schule ein, die nicht nur den so genannten Eliten offen stehen.

Ja, ich finde es ganz wichtig. Wir dürfen nicht schon in den ersten Schuljahren beginnen, die Kinder nach ihrer Herkunft zu trennen. Es sollen alle möglichst gute und vor allem möglichst gleiche Startchancen haben. Ich weiss, dass das ein idealistischer Ansatz ist. Wenn wir ihn weltweit umsetzen wollten, müssten wir viel mehr Geld zur Verfügung haben. Ich ging selber auch in die Volksschule.

Und, haben Sie die Schule in guter Erinnerung?

Ja. Aber die Schule hatte schon damals Schwächen, die bis heute erhalten geblieben sind. Beispielsweise wurden begabte Kinder damals wie heute zu wenig gefördert. Alles in allem können wir aber stolz sein auf eine funktionierende Volksschule.

Und trotzdem braucht es jetzt dieses neue Volksschulgesetz?

Ja, es ist höchste Zeit, das geltende Gesetz stammt aus dem vorletzten Jahrhundert.

Welches sind denn die Hauptprobleme der heutigen Schule?

Es fehlen viele Elemente, die heute einfach zwingend sind. So im Bereich der Blockzeiten, Aufgabenhilfe, von Mittagstisch und Qualitätskontrollen. Negativ ist auch, dass die Schulleitung auf kantonaler Ebene noch nicht geregelt ist. Wir können froh sein, dass wir endlich die Gelegenheit haben, die Schulen zu reformieren. Das Gesetz, über das wir abstimmen, ist eine Minimallösung, ein Kompromiss. Aber es bringt uns einen Schritt weiter. Mir persönlich geht es zu langsam. Es dauert sieben Jahre, bis diese Reformen umgesetzt sind. Doch ich weiss natürlich, dass die Mühlen in einer Demokratie eher langsam mahlen.

Welche Forderungen hat die Wirtschaft an die öffentliche Schule?

Oft wird gesagt, die Wirtschaft sei nur an den Universitäten interessiert. Das stimmt so nicht. In der Volksschule ist die Bildung der sozialen Kompetenz ganz wichtig. Die Vielfalt der Schülerschaft ist im späteren Leben nie mehr so gross wie auf dieser Stufe. Die Jugendlichen lernen ganz unterschiedliche Lebensformen und verschiedene Kulturen kennen.

Stellen Sie fest, dass die Menschen heute sozial weniger kompetent sind als früher?

An den Schulen gibt es immer mehr Gewalt. Dies reflektiert nur unsere Gesellschaft. Gewalt ist ein Warnsignal. Es geht nicht, dass Schüler Lehrer verprügeln und die Eltern gleichgültig sind. Wir müssen darauf reagieren. Mit dem neuen Gesetz ermöglichen wir zum Beispiel, dass Schulen mit einem hohen Anteil an fremdsprachigen Schülern speziell unterstützt werden können. Das Gesetz verlangt auch, die Eltern an den Prozessen zu beteiligen. Ich bin überzeugt, dass es richtig ist, in der Schule möglichst alle zu integrieren. Es ist falsch, auf dieser Stufe alle schwierigen Kinder oder die weniger Begabten in Sonderklassen zu stecken. Damit verhindern wir den Lernprozess, der bei allen zu besserer sozialer Kompetenz führt.

Welche weiteren Fähigkeiten müssten aus Ihrer Sicht an der Volksschule gefördert werden?

Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Die so genannt einfachen Berufe gibt es immer weniger. Darum muss schon die Volksschule viel Wissen vermitteln. So notwendig die Förderung von Schwachen ist, so sehr besteht die Gefahr, dass wir die begabten Kinder dadurch vernachlässigen. Wir müssen aufpassen, dass die heutige Schule nicht nach unten nivelliert.

Geht das Gesetz in dieser Beziehung genügend weit?

Nein, es geht zu wenig weit.

Was wäre konkret nötig?

Schwache Kinder werden in Zusatzstunden gefördert. Solche Angebote müsste es noch vermehrt für die besonders Begabten geben. Die Reformkritiker behaupten, die Schule werde immer kopflastiger. Ich habe nichts gegen Kopflastigkeit. Wir leben in einer kopflastigen Gesellschaft.

Wie viele Fremdsprachen verträgt es aus Ihrer Sicht an der Primarschule?

Es verträgt sicher mehr als eine. Kinder sind wissbegierig und können viel mehr neues Wissen aufnehmen als Erwachsene. Wir dürfen unsere Schüler nicht unterschätzen. Es ist durchaus möglich, vielsprachig aufzuwachsen.

Welche Fremdsprache sollte in den Schulen als Erstes gelehrt werden?

Das ist nicht so relevant. Wenn es aber nach mir ginge, wäre es Englisch. Englisch ist die heute am weitesten verbreitete Sprache auf der Welt.

Die Schulen sollen mehr Betreuungsarbeit übernehmen. Wo liegen für Sie die Grenzen der Belastbarkeit für die Schulen?

Wenn Eltern meinen, sie können ihre Kinder in der Schule erziehen lassen, liegt das jenseits der Grenzen. Aber eine moderne Schule muss zum Beispiel Blockzeiten haben. Erstens werden in Schulen mit starkem ausserschulischem Betreuungsangebot die besseren Leistungen erbracht. Und zweitens müssen die Schulen auf den gesellschaftlichen Wandel reagieren. Heute sind oft beide Elternteile erwerbstätig. Da dies bei uns zu Hause auch so ist, besucht mein Sohn eine private Ganztagesschule.

Ist das der einzige Grund?

Nein, ich möchte, dass mein Sohn zweisprachig aufwächst. Entsprechend geht er seit dem Kindergarten in eine zweisprachige Schule. Die öffentlichen Schulen müssen derzeit vor allem sparen. Grundsätzlich finde ich es falsch, in der Schule zu sparen. Wenn es aber nicht anders geht, muss es in der Administration geschehen. Beispielsweise durch die Beseitigung von allfälligen Doppelspurigkeiten.

Im Kanton Zürich werden die Klassen vergrössert.

Das ist der falsche Weg. Es liegt auf der Hand, dass der Lehrer weniger Zeit für den einzelnen Schüler aufwenden kann, wenn seine Klasse grösser wird. Das kann die Schulqualität vermindern.

Wenn das Volk am 5. Juni Nein stimmt, was würde das bedeuten?

Für mich persönlich wäre es eine riesige Enttäuschung. Für den Kanton wäre es ein grosser Rückschritt. Wenn wir die laufenden Reformen abbrechen müssten, fallen wir hoffnungslos zurück, auch im internationalen Vergleich. Das würde sich mit Sicherheit auch negativ auf unsere wirtschaftlichen Chancen auswirken.

© Tages-Anzeiger; 10.05.05; Seite 13
© 2005 «Tages-Anzeiger»

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